Die Legende von Tanjuscha

Manche sagen, Tanjuscha sei schon immer hier gewesen.

Andere behaupten, sie sei eines Tages einfach aufgetaucht – irgendwo zwischen Moor und Haff, mit einem Stock mit silbernem Knauf und diesem Blick, als kenne sie die Welt schon sehr lange.

Niemand weiß genau, woher sie kommt.
Und niemand kann sagen, wie alt sie ist.

Doch sie kennt Geschichten, die längst vergessen schienen.

Tanjuscha – das Zeitweib

Hüterin alter Geschichten

Manche Menschen gehören zu einer Zeit.
Tanjuscha gehört zu vielen.

Sie kennt die Geschichten der Landschaft –
die alten Sagen, die man früher am Feuer erzählte,
und die Orte, an denen sich Erinnerung noch heute im Wind bewegt.

Geschichten von Menschen, die hier lebten,
von Orten, die verschwunden sind,
von Ereignissen, über die heute kaum noch jemand spricht.

Sie erzählt von alten Wegen,
von seltsamen Begebenheiten
und von Dingen, die sich nicht ganz erklären lassen.

Manche halten sie für eine Sammlerin alter Sagen.
Andere meinen, sie sei mehr als das.

Ein Zeitweib, sagen einige –
eine, die zwischen den Zeiten wandert
und hört, was die Landschaft noch erinnert.

Tanjuschas Geschichten erscheinen nach und nach hier auf dieser Seite.
Manche sind alte Sagen aus Pommern.
Andere sind Erinnerungen der Landschaft – so, wie sie heute noch erzählt werden.

„Geschichten liegen nicht in Büchern.
Sie liegen an den Orten, an denen wir stehen.“

An den Rändern der Welt

Über das Böse, das Flüstern und die Geschichten am Stettiner Haff und anderswo

Es kommt alles wieder.
Die Mode tut es. Die Geschichten tun es. Und das Böse erst recht.
Nicht gleich, nicht offen, nicht mit Getöse – sondern leise, verschoben, wie ein alter Atem, der durch verlassene Gassen, Moore und Ufer am Stettiner Haff zieht. 

Jeder Mensch trägt Schatten in sich. Hässliche Seiten, die kaum einer sieht. Mal tief verborgen, mal nah an der Oberfläche. Wie viel davon es braucht, bis aus Schatten Bosheit wird, ist verschieden. Das Böse kennt diesen Pegelstand genau. Nähert er sich einer bestimmten Marke, ist es zur Stelle. Als Teufel. Als hässliches Männlein. Als alte Hexe. Oder als Mart, die sich nachts auf die Brust setzt und den Atem nimmt. Oder unsichtbar, als Gedanke, der sich festsetzt. Als Neid. Als Missgunst. Als leise, bohrende Unzufriedenheit.

Das Böse hat es nicht eilig.
Es kocht Menschen weich, langsam, durch die Umstände, durch das, was ohnehin schon in ihnen brodelt. Es legt seine Saat – geduldig, unsichtbar, zuverlässig. Nacht für Nacht flüstert es. Am Morgen bleibt nichts als schlechte Laune, ein dumpfes Gefühl, ein fahler Geschmack im Mund, vielleicht nur eine Ahnung.

Einige scheinen immun zu sein. Andere springen sofort an.
Besonders wohl fühlt es sich an den Rändern der Welt: dort, wo es feucht, windig, neblig ist. Wo Geräusche nicht eindeutig sind und Schatten sich bewegen. Wind und Wasser gehören zu seinen ältesten Helfern. Moderne Technik belächelt es nur – seine Antennen sind feiner.

Ohne Glauben kein Teufel? Vielleicht. Aber er lebt dennoch. Heute als Zeitdieb, Energievampir, als unsichtbare Kraft, die vom Außen und von Rastlosigkeit zehrt. Gut genährt ist er derzeit. 
Zuwider sind ihm jene, die bei sich bleiben, die die Natur suchen, die still werden – sei es am Stettiner Haff, in Mooren oder an stillen Seen.

Diese Geschichten stammen von den Rändern der Welt.
Von Orten, die arm, unberechenbar und schmal im Leben waren. Von Menschen, die oft zu wenig hatten, um zu leben, und zu viel, um zu sterben. Von Wesen, die genau dann auftauchten, wenn sie gebraucht wurden – oder wenn sie nicht gebraucht wurden, aber dennoch ihre Spuren hinterließen.

Sie wirken nach.
Nicht als Schrecken. Sondern als Unruhe.
Als Erinnerung, dass Welt und Natur lebendig, dunkel, überraschend und manchmal unbequem sind.
Vielleicht überdenkt man danach, ob man heute Nacht wirklich noch einmal hinausgeht. Oder warum der Wald, die Stadt, das Wasser anders klingt, wenn es dunkel wird.

Die Sage vom Galenbecker See

Vom Damm, der im Wasser endet

Randwesen: ein fremder Händler

Seit Generationen erzählt man sich hier von einem Damm, der im Wasser endet – und von einer Nacht, die nicht ganz vergangen ist.

Der Galenbecker See liegt am Rand der Brohmer Berge, im Naturpark Stettiner Haff. Weit, flach und von Moorlandschaft umgeben, ist er bis heute ein Ort des Übergangs – zwischen Wasser und Land, Vergangenheit und Gegenwart.

Diese Erzählung greift eine alte Sage aus der Region auf.
Überliefert in verschiedenen Fassungen, berichtet sie vom Versuch, einen Damm durch den See zu bauen – und vom Preis, den man dafür zu zahlen hatte.

Tanjuscha liest diese Geschichte nicht nach.
Sie erinnert sich.

Was hier folgt, ist keine klassische Nacherzählung, sondern eine Annäherung: an Landschaft, Zeit und jene dunklen Ränder der Überlieferung, die sich nie ganz festhalten lassen.

Wer mag, kann diesen Ort heute noch aufsuchen.


Der See liegt still.
Der Damm endet im Wasser.

„Heute ist es der Galenbecker See.
Aber ich kenne die Landschaft, als das Wasser hier noch nicht war.“

Tanjuscha steht auf der Aussichtsplattform an der Straße von Heinrichswalde nach Fleethof. Ihr Blick geht hinaus über die weite Vernässungszone. Sie spricht leise, mehr zu sich selbst als zu den wenigen, die zuhören.

Der Wind trägt ihre Worte über das Wasser.

Autos ziehen vorbei. Kurz. Laut.
Man hört sie kommen. Man hört sie gehen.

„Damals war hier kein offenes Wasser.
Der Boden war weich. Unentschlossen.
Nicht Land. Nicht Wasser.
Ein Ort, der nichts versprach – und alles behielt.“

Sie stützt sich auf ihren Stock mit dem silbernen Knauf.

„Hier“, sagt sie und deutet hinaus,
„hier ist man gesunken, ohne zu fallen.“

Das Wasser liegt ruhig.
Zu ruhig, wie etwas, das gelernt hat, nichts zu verraten.

„Der Damm, der nie fertig wurde, liegt dort draußen“, murmelt sie.
„Nicht sichtbar. Aber vorhanden.“

Ein kaum merkliches Lächeln huscht über ihr Gesicht.

„Das Böse“, sagt sie leise, „hat es nicht eilig.“

Dann schlägt sie ihr Buch "Erzählwelten" auf.

Und was folgt, ist das, woran sich die Landschaft erinnert:

Ein armer Schäfer musste seine Herde einst kilometerweit um das Moor treiben. Tag für Tag, Schritt für Schritt. Sein Fluchen verlor sich im Wind – und wurde gehört.

Nicht hier.

Sondern dort, wo Zeit keine Rolle spielt.

Der Fremde kam nicht sofort.
Er beobachtete.

Sah die Mühsal.
Das langsame Zermürben.
Die wachsende Sehnsucht nach Erleichterung.

Er wartete.

Erst als der Wunsch größer war als die Furcht, trat er hervor.

„Ich baue dir einen Damm durch das Wasser“, sagte er.
„Doch deine Seele gehört mir.“

Der Schäfer zitterte.
Und willigte ein.

Unter einer Bedingung:
Der Damm müsse bis zum ersten Hahnenschrei vollendet sein.

Die Nacht begann still.

Dann kam das erste Knacken.

Tief unten, als gäben alte Fasern nach.
Ein Reißen.
Dann Krachen.

Bäume brachen, als wären sie nie gewachsen.
Der Wind trug die Geräusche über das Moor, verzerrte sie, ließ sie näher erscheinen, als sie waren.

Ein dumpfer Schlag.
Noch einer.

Als würden gewaltige Hände Gestein bewegen.

Wellen liefen über das Wasser.
Schwer. Dunkel. Unruhig.

Der Himmel war schwarz.
Keine Sterne.

Nur Sturm.

Der Schäfer hatte sich schlafen gelegt.
Sicher, dass das Unmögliche nicht geschehen konnte.

Doch die Nacht ließ ihn nicht ruhen.

Ein Grollen kroch durch den Boden.
Ein Krachen riss ihn hoch.

Er trat vor die Tür.

Der Wind schlug ihm entgegen.
Kalt. Nass.

Der See war nicht mehr still.

Wellen liefen gegen das Ufer, als würde etwas Großes im Wasser bewegt.
Immer wieder dieses Schlagen, dieses Reißen.

Die Landschaft arbeitete.

Und der Schäfer begann zu zweifeln.

Was, wenn der Handel kein Irrtum war?
Was, wenn das Unmögliche geschah?

Die Angst kam langsam.

Kalt.
Schleichend.

Sein Atem ging flach.
Sein Mund wurde trocken.

Und mit jeder Welle verstand er mehr:

Er hatte sich verrechnet.

Der Mensch denkt in Tagen.
In Wegen.
In Mühe.

Doch das, was dort draußen arbeitete, kannte keine Müdigkeit.
Keine Grenze.

Er dachte.

Nicht an Gott.
Nicht an Rettung.

An die Bedingung.

Der Hahnenschrei.

Nicht der Morgen entschied.
Nicht das Licht.

Der Ruf.

Was aber, wenn der Hahn zu früh kräht?

Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag.

Der Sturm verschluckte jedes Geräusch.
Der Fremde war draußen. Beschäftigt.

Der Schäfer holte Luft.

Und krähte.

Ein rauer, unvollkommener Laut.
Vom Wind getragen.

Nichts geschah.

Er versuchte es erneut.

Lauter.
Entschlossener.

Beim dritten Mal—

…verstummte die Nacht.

Ob es seine Stimme war,
ob eine Mutter aus Angst um ihr Kind rief,
oder ob ein echter Hahn, getäuscht vom ersten Grau, zu früh krähte—

das weiß niemand mehr.

Doch hoch über dem Wasser hielt alles inne.

Der Fremde fuhr empor.
Höher, als ein Vogel es könnte.

Und sah, was er nicht sehen wollte:

Ein Hauch von Licht.

Kein Tag.
Aber auch keine Nacht mehr.

Da brach sein Zorn los.

Ein Toben, ein Fluchen, das selbst der Sturm nicht ganz verschluckte.

Er schleuderte die Steine.
Riss das Werk auseinander.

Und verschwand.

Zurück blieb der See.

Und ein Damm, der im Wasser endet.

Tanjuscha schlägt das Buch zu.

Das Wasser liegt ruhig vor ihr.
Still. Harmlos.

„Die Leute wollten ihn fertigbauen“, sagt sie leise.
„Aber was tagsüber geschah, war nachts wieder fort.“

Sie blickt hinaus.

Dorthin, wo der Damm hätte weitergehen sollen.

„Manches“, sagt sie,
„will nicht vollendet werden.“

Dann schweigt sie.

Das Wasser auch.

Tanjuscha steht noch einen Moment am Ufer.

Der Wind hat sich gelegt.
Die ersten Sonnenstrahlen liegen auf dem See.

Und irgendwo, weit entfernt, meint man einen Krähen zu hören.

Sie zieht ihr Wolltuch enger um die Schultern.

Dann geht sie.

Ruhig. Schritt für Schritt.

Orte wie dieser vergessen nicht.

Und manchmal erinnern sie sich.

Verholer steht für Geschichten, Naturwissen und Achtsamkeit.
Mit Balduin Biber und anderen Figuren entstehen fortlaufende Erzählungen zum Hören und Lesen.
Ein Projekt von Tanja Wolff, Autorin, Erzählerin und zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin im Naturpark Stettiner Haff.

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