Aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
Was du hier findest
Manche Orte sind keine Orte.
Sie sind ein Zustand.
Das Wohnzimmer von Mutter Natur ist so ein Raum.
Kein Schauplatz, kein Konzept, kein Ziel.
Sondern ein Platz zum Ankommen.
Hier sammle ich Beobachtungen aus dem Jahreslauf:
Momente, die mir draußen begegnen, Gedanken, die sich beim Gehen einstellen, Bilder, die bleiben, weil sie etwas in mir berührt haben. Nicht alles ist schön. Nicht alles leicht. Aber alles ist wirklich.
Mutter Natur spricht hier nicht laut.
Sie flüstert.
Im Knacken von Eis, im Fall eines alten Baumes, im ersten Grün zwischen Frost und Schnee. Wer zuhört, hört vielleicht auch sich selbst ein wenig deutlicher.
Dieses Wohnzimmer folgt keinem Plan.
Es kennt keinen Kalenderdruck und keine Vollständigkeit.
Was hier liegt, darf liegen.
Was fehlt, fehlt zu Recht.
Vielleicht findest du hier einen Gedanken, der dich begleitet.
Vielleicht nur ein Bild, das nachwirkt.
Vielleicht auch nichts – und auch das ist in Ordnung.
Mach es dir bequem.
Schau dich um.
Und nimm dir die Zeit, die du brauchst.
Mai
"Der Mai gilt als Wonnemonat"
In diesem Jahr musste er sich diesen Titel allerdings erst verdienen.
Schon der Monatsanfang überraschte mit einem Temperatursprung von mehr als zehn Grad. Nach dem kalten April wurde es plötzlich sommerlich warm. Die Natur schien nur auf ein Startsignal gewartet zu haben. Überall spross es grün. Man konnte den Pflanzen beinahe beim Wachsen zusehen. Doch der Boden war vielerorts zu trocken. Selbst die Kaiserkronen zeigten bereits erste gelbe Blätter.
Dann schlug das Wetter wieder um. Es kühlte innerhalb weniger Tage deutlich ab. Regen setzte ein, doch oft fielen nur ein paar Tropfen. Die Trockenheit blieb ein ständiger Begleiter dieses Monats.
Der Frühling wirkte in diesem Jahr insgesamt etwas verschoben. Am 8. Mai hörte ich zum ersten Mal den Kuckuck. Normalerweise meldet er sich schon Ende April. Sein Ruf kam verspätet, als hätte auch er den kalten April und den zögerlichen Mai erst einmal abwarten wollen.
Besonders deutlich zeigten sich die Eisheiligen. Sonne, Wolken, Regen, Hagel und kalter Wind wechselten sich ab. Mitte Mai lagen die Temperaturen zeitweise nur bei zehn Grad, nachts gab es sogar noch Frost. Selbst am letzten Tag der Eisheiligen teilten sich Sonnenschein und dunkle Wolken den Himmel.
Während wir Menschen über Jacken und Wetter-Apps nachdenken, läuft das Leben in der Natur unbeirrt weiter. Mitte Mai wurden die ersten jungen Spatzen flügge. Lautstark bettelnd folgten sie ihren Eltern durch Gärten und Hecken.
Auch die Brutzeit war überall sichtbar. Die Rauchschwalben waren mit Nestbau beschäftigt und eine Blaumeise hatte in einer Mauerritze des Hauses einen geschützten Platz für ihre Familie gefunden. Für mich sind Rauchschwalben bis heute die eigentlichen Sommervögel. Doch ihre Lebensbedingungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Mehr dazu im Naturmoment zum Nachlesen.
Und damit stellt sich eine Frage: Wo beginnt Natur eigentlich?
Erst im Wald? Am Wasser? Hinter dem Ortsschild?
Oder schon dort, wo Wind durch ein geöffnetes Fenster zieht, wo eine Blaumeise in der Hauswand brütet oder ein Balkonkasten im sechsten Stock blüht?
Gleichzeitig haben wir uns von der Natur entfernt. Viele Menschen könnten heute noch nicht einmal drei Tage draußen überleben. Das Wissen um essbare Pflanzen, Wasserstellen oder einfache Unterkünfte ist weitgehend verloren gegangen.
Vielleicht suchen deshalb heute so viele Menschen die Natur wieder bewusst auf. Nicht nur, weil etwas verloren gegangen ist, sondern weil sie etwas schenkt, das selten geworden ist: Ruhe.
Natur bewertet nicht. Sie verlangt keine Leistung. Der Wind fragt nicht nach Erfolgen. Ein Vogel interessiert sich nicht für Termine. Wer sich darauf einlassen kann, findet draußen etwas, das in unserer Zeit kostbar geworden ist – die Möglichkeit, einfach da zu sein.
Gegen Ende des Monats fand der Mai schließlich doch noch zu seiner warmen Seite. Seit dem 23. Mai und über das Pfingstwochenende hinweg zeigte er sich freundlich und sonnig. Die Temperaturen lagen meist um die zwanzig Grad. Die Landschaft stand in sattem Grün und endlich konnte man wieder entspannt draußen sitzen.
So verabschiedete sich der Mai versöhnlich. Schön war er am Ende durchaus. Aber er blieb ein Monat voller Wetterkapriolen, verspäteter Frühlingsboten und nachdenklicher Momente. Und trotz aller Sonne blieb ein Gedanke zurück: Die Natur wächst und gedeiht – doch auf einen wirklich durchdringenden Regen wartet sie hier noch immer.
Naturmoment zum Nachlesen - die Rauchschwalbe – ein Sommervogel auf Wohnungssuche
Für mich war die Rauchschwalbe immer der eigentliche Sommervogel. Noch bevor die Ferien begannen, schossen ihre dunklen Silhouetten über Höfe und Wiesen. Und sie erzählte dabei ununterbrochen ihre Geschichten. Singen kann man ihre Laute kaum nennen – eher ein fröhliches Schwätzen im Flug.
Doch die Lebensbedingungen dieses Vogels haben sich verändert. Rauchschwalben brüten in Gebäuden und waren lange eng mit der Landwirtschaft verbunden. Wo früher Vieh in Ställen stand, fanden sie Nahrung und Nistplätze. Heute gibt es vielerorts weniger Vieh, weniger offene Ställe und weniger Fliegen.
Auch das Dorfbild hat sich verändert. Telefon- und Stromleitungen verschwanden unter der Erde, Gebäude wurden modernisiert und verschlossen. Selbst trockene Frühjahre können zum Problem werden, denn für ihre Nester benötigen Rauchschwalben feuchten Lehm.
Wenn heute eine Rauchschwalbe über den Hof fliegt, erzählt sie deshalb auch etwas über die Veränderungen unserer Landschaft. Vielleicht berührt sie uns gerade deshalb so sehr – weil sie Erinnerungen an einen Sommer mit sich trägt, den viele von uns noch kannten.
Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
April
"Wo das Alte leise erzählt und das Leben neu beginnt"
Der April hat sich in diesem Jahr nicht laut angekündigt.
Er kam auf leisen Sohlen – und hat doch überall Spuren hinterlassen.
Auf der Peene glitt das Boot durch die weite Landschaft. Das Schilf noch blass, der Himmel offen. Über allem kreisten Seeadler, Kraniche zogen ihre Bahnen, und über dem Wasser jagten die ersten Schwalben. Ein Blick von oben – und doch mitten im Geschehen.
In Menzlin erzählte die Landschaft vom Biber. Fraßspuren, Wege, Dämme – Zeichen eines Tieres, das zurück ist und bleibt. Nicht überall willkommen.
Zuhause zwischen den Feldern ein beschädigter Damm im Entwässerungsgraben ließ das Wasser wieder abfließen.
Die Natur kehrt zurück – und der Mensch hält dagegen.
Auch der Wind griff ein.
Die frisch bearbeiteten Felder liegen offen, schutzlos. Seit Wochen kein Regen.
Der Boden hebt sich, tanzt in kleinen Wirbeln über die Äcker, zieht als Schleier über Straßen und Felder.
Hier verschwindet er.
Woanders wird er sich wieder niederlassen.
Doch hier fehlt er.
Zwischen all dem Leben und Werden gab es auch leise Brüche.
Eine kleine Katze, ausgesetzt, krank, suchend nach Nähe.
Ein stiller Hinweis darauf, dass nicht alles, was in unsere Nähe kommt, aus der Natur stammt – und doch unsere Verantwortung wird.
Und dann wieder diese anderen Bilder:
Schafe mit ihren Lämmern unter den Solarmodulen.
Leben im Schatten der Technik.
Ein Bild, das zeigt, dass es auch anders geht.
Die Stimmen kehrten zurück.
Der Wiedehopf mit seinem hup-hup-hup, die Schwalben im Ort – und am 24. April schließlich die Nachtigall, deren Gesang die Nacht wieder füllt.
Im Wald von Kratzeburg, im Müritz-Nationalpark, wurde aus Beobachtung wieder Lernen - Waldpädagogik/Coyote Teaching.
Ein Tag unter Bäumen, voller Ideen, voller Ruhe.
Und immer wieder dieses Dazwischen:
eine Eule, die am Nachmittag lautlos durch die Bäume glitt – kaum zu erkennen, mehr geahnt als gesehen.
Am Ende des Monats noch ein kurzer Gruß:
Ein rotes Eurasisches Eichhörnchen huschte über die Dorfstraße. Es erinnert mich immer an einen kleinen Kobold.
Ein Wimpernschlag – und doch ganz da.
Und mittendrin, fast unscheinbar, steht sie das ganze Jahr über an ihrem Platz:
die Vogeltränke.
Im Winter fülle ich heißes Wasser nach, oft mehrmals am Tag.
Und sie wird genutzt.
Von Vögeln.
Von Katzen aus der Umgebung.
Und nachts auch vom Igel.
Ein kleiner Ort, an dem sich Wege kreuzen.
An dem niemand fragt, wem er gehört.
Was da ist, wird geteilt.
Naturmoment zum Nachlesen - der abendliche Gast
Am Abend raschelt es wieder im Gras.
Ganz unscheinbar, fast nebenbei, begegnet er mir:
ein Europäischer Igel.
Kein großes Schauspiel. Kein besonderer Ort.
Nur ein leises Rascheln manchmal ein Schmatzen, ein kurzer Blick – und das Wissen:
Er ist wieder da.
Nach Monaten der Stille kehrt das Leben zurück,
nicht mit Getöse, sondern Schritt für Schritt,
Atemzug für Atemzug.
Und vielleicht ist es genau das, was der April uns zeigt:
Dass das Neue nicht laut beginnt.
Sondern leise.
Ganz leise.
Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
April Galerie
Der April zeigt sich nicht laut.
Er erzählt in Zeichen, Spuren und kleinen Veränderungen.
Der Wasserstand im Graben verändert sich sichtbar zwischen Anfang und Ende des Monats. Was eben noch hoch stand, findet langsam wieder seinen Weg. Landschaft bleibt in Bewegung.
Der Specht hinterlässt deutliche Spuren im Holz – gezielte Schläge, konzentrierte Arbeit. Nur ein einziges großes Loch in der Rinde, und doch erzählt es vom verborgenen Leben unter der Oberfläche.
Manche Bäume wachsen nicht nach Plan.
Eine Kiefer windet ihren Stamm beinahe kreisförmig in die Höhe, als hätte der Wind selbst sie geformt.
Mitten auf freiem Feld stehen alte Eichen.
Still, weit auseinander, fast wie aus einem Gemälde von Caspar David Friedrich.
Wächter der Landschaft.
Und im Wald beginnt das Grün ganz vorsichtig zurückzukehren.
Zwischen dunklen Nadelbäumen leuchtet der frische Austrieb eines Laubbaumes. Noch zart, noch zurückhaltend. Darüber ein tiefblauer Himmel, kleine Wolken und ein Kondensstreifen, der langsam durch den Frühling zieht.
Der April drängt sich nicht auf.
Er zeigt sich denen, die stehen bleiben.
März
"Wenn der Himmel lebendig wird"
Der März ist wie das Wohnzimmer von Mutter Natur: Die Türen stehen weit offen, die ersten Sonnenstrahlen wärmen, die Vögel kehren zurück, und überall erwacht neues Leben. Hier treffen Ruhe und Aufbruch aufeinander – ein Monat voller Möglichkeiten, Überraschungen und lebendiger Begegnungen.
Vogelbeobachtungen
Im Naturpark Stettiner Haff verändert sich der Himmel im März spürbar.
Sie fallen nicht mehr einzeln. Nicht paarweise.
Scharenweise.
Die Stare sind zurück.
Wie schwarze Tropfen lösen sie sich aus dem Grau und sammeln sich in den Bäumen entlang des Haffs. Ihr Schwarmverhalten wirkt fast unwirklich – pulsierend, wabernd, als würde der Himmel atmen. Man fühlt sich erinnert an Szenen aus Die Vögel – nur ohne Bedrohung, sondern voller Energie.
Im Sonnenlicht schimmert ihr Federkleid metallisch grün und violett.
Prachtvoll. Laut. Lebendig.
Für Obstbauern und Kirschbaumbesitzer sind sie nicht immer willkommen. Für Naturbeobachter jedoch gehören sie zu den eindrucksvollsten Zeichen des Frühlings am Haff.
Am Boden begleiten sie die vertrauten Spatzen – ganzjährig heimisch im Naturpark. Ein eingespieltes Sozialgefüge: Einige sitzen auf Posten, andere suchen Futter. Fällt der Alarmruf, hebt die gesamte Gruppe gleichzeitig ab. Ordnung im scheinbaren Chaos.
Zwischen Sträuchern und Hecken turnen Blaumeisen, spähen in Ritzen und Zweige. Wintergoldhähnchen und Rotkehlchen wirken fast zurückhaltend im Vergleich zum temperamentvollen Starenschwarm.
Der März bringt Bewegung in die Vogelwelt am Stettiner Haff. Während im Februar noch Eisflächen dominierten, ist nun Klang in der Luft. Rufe, Flügelschläge, geschäftiges Treiben.
Die Natur zeigt: Der Winter verliert an Kraft.
Das Licht gewinnt.
Der Rhythmus des Jahres nimmt Fahrt auf.
Wer jetzt achtsam durch den Naturpark geht, erlebt einen Monat des Aufbruchs – nicht sanft wie im Februar, sondern lebendig, manchmal sogar turbulent.
Der März steht für Dynamik.
Für Gemeinschaft.
Für die erste sichtbare Entschlossenheit des Frühlings.
Und über dem Haff zieht ein Schwarm, der daran erinnert:
Lebendigkeit darf laut sein.
Anfang des Monats kehrte der rote Milan wieder zurück – ein vertrauter Gruß aus dem Himmel. Mitte des Monats habe ich die ersten Feldlerchen gehört und gesehen.
Und vorgestern erhaschte ich eine Kornweihe, elegant und lautlos über den Feldern kreisend.
Pilzseminar – Porlinge, Zunderschwamm & Co.
Was den März für mich besonders geprägt hat, war ein Pilzseminar mitten im Nationalpark Müritz – genauer gesagt in der Steinmühle, direkt in der Kernzone. Digital Detox war angesagt: keine Verbindung zur Außenwelt, außer an ausgewählten Punkten. Einfach eintauchen in die Stille und in die Welt der Pilze.
Im Fokus standen die Porlinge – Pilze, die an Holz wachsen. Besonders beeindruckt hat mich der Zunderschwamm. „Das brennt wie Zunder!“ – diesen Spruch kennt wohl jeder, aber dass er ausgerechnet von diesem Pilz stammt, war mir neu. Heute sind Zunderschwämme im Süden der Republik selten, weil dort lange Zeit viel mit Holz geheizt wurde und man den Zunder als Starthilfe für das Feuer verwendete. Im Süden sind noch heute oft Kachelofen und Küchenhexe anzutreffen.
Interessant ist auch, dass sich aus Zunder Leder herstellen lässt – faszinierend, welche Schätze die Natur bereithält! Neben dem Zunderschwamm begegneten mir prächtige Exemplare des Deutschlandpilzes sowie Marmorholz- und Giraffenholz-Varianten. Besonders verblüffend fand ich, dass das bei uns auf Holunder wachsende Judasohr in der asiatischen Küche als Mu Er Pilz verwendet wird.
Naturmoment zum Nachlesen – Specht und geringelte Bäume
Beim Pilzseminar ist mir auch etwas ganz Besonderes aufgefallen: Einige Bäume im Wald wirkten „geringelt“. Zuerst dachte ich an den Biber, doch der nächste Tümpel war zu weit entfernt und der Biber liebt Fließgewässer.
Ein Baum stach besonders heraus – komplett hell, als hätte ihn jemand geschält. Beim Näherkommen wurde klar: Ein Specht hatte ganze Arbeit geleistet. Schicht für Schicht hatte er die Rinde abgetragen, von oben bis unten. Der Boden darunter war übersät mit Holzspänen, und an einigen Stellen konnte man die verschiedenen Schichten des Baumes noch erkennen.
So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen. Kein klassisches Totholz, kein abgebrochener Stamm – sondern ein kompletter Baum mit Krone, der durch die Arbeit eines Vogels fast wie verwandelt wirkte. Und plötzlich wird sichtbar, was im Wald sonst verborgen bleibt: Unter der Rinde wimmelt es von Leben.
„Ringeln“ bedeutet, dass die Rinde eines Baumes einmal rundherum entfernt wird. Das unterbricht die Nährstoffversorgung – der Baum stirbt langsam und kontrolliert ab. Das ist Waldpflege der besonderen Art – unerwünschte Bäume werden zu Totholz, das als Lebensraum und Nahrungsquelle für Vögel und Insekten dient. So einfach geht Naturschutz!
Anders als beim Fällen bleibt der Baum jedoch stehen und wirkt wie ein Stützgerüst im Wald, ohne dass Nachbarbäume durch Fällung beschädigt werden.
Der Biber ringelt die Bäume auch – aber dann in Gewässernähe.
Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
März Galerie
Zwei Spuren im Wald – und doch so unterschiedlich:
Der eine Baum steht noch – hell, geschält, vom Specht Schicht für Schicht bearbeitet. Der andere ist gefallen – sauber angenagt vom Biber, direkt am Stammfuß. Beide erzählen von „Ringeln“, vom Unterbrechen des Lebensflusses im Baum. Und doch zeigen sie zwei ganz verschiedene Wege: Der eine wird zum stehenden Lebensraum, der andere Teil eines neuen Anfangs am Boden. Natur arbeitet leise – aber mit großer Wirkung.
Februar
"Zwischen Eis, Licht und kleinen Anfängen"
Das Haff im Naturpark Stettiner Haff liegt still, noch von Frost und Eis bedeckt. Die Schifffahrt ruht, das Wasser ist seit Wochen gefroren. Land und Wasser geht nahtlos ineinander über. Alles scheint anzuhalten.
Und doch zeigt sich leise Bewegung. Das Licht fällt anders in den Morgen, bleibt länger am Abend. Es ist klarer, weiter, ein erster Hinweis auf den kommenden Frühling. Wer aufmerksam geht, spürt die Veränderung – sie liegt im Atem der Landschaft, im leisen Rascheln der eisbedeckten Bäume, im Knacken des Frostes, der auf allem liegt.
Am Vogelhaus wurden bereits am 29. Januar die ersten Stare gesichtet. Kurz darauf zogen die ersten Gruppen Kraniche über das gefrorene Haff, ihre Rufe hallen über die stille Fläche. Auch die Schwäne sind zurückgekehrt, wie jedes Jahr, als Zeichen, dass das Leben seinen Lauf nimmt, unabhängig von der Kälte.
Selbst der Biber, geschäftig und unermüdlich, hat Spuren hinterlassen: frische Nagespuren an alten Pappeln, die den Lauf der Zarow flankieren. Die Natur zeigt ihre Anwesenheit auf feine, fast unsichtbare Weise. Wer genau hinschaut, entdeckt die kleinen Geschichten, die der Jahreslauf für uns bereithält.
Im Garten beginnt die Zeit der leisen Schritte: Obstbäume werden geschnitten, die Ziergräser geordnet. Nichts ist spektakulär – alles dient dem Aufbau, dem Grund für Neues. So wie in der Verholer-Trilogie, die kleine, achtsame Impulse durch das Jahr trägt, zeigt der Februar, dass Veränderungen oft sanft beginnen, bevor sie sichtbar werden. Ein Eintrag ins Innere Kontorbuch, ein Notizgedanke im Inneren Gewichtsbook oder ein Blick ins Verholer Kakebo – alles kleine Übungen, die uns helfen, den Rhythmus des Jahres wahrzunehmen.
Der Februar ist kein Aufbruch. Er ist ein Versprechen. Noch sind Knospen unsichtbar, Frühblüher nur zaghaft. Alles ruht. Und doch liegt bereits die Ahnung von Wärme und Bewegung in der Luft. Der Monat zeigt uns Geduld, Verlässlichkeit und die stille Hoffnung, die in kleinen Anzeichen wächst.
Das Haff mag gefroren sein, das Licht aber erinnert daran, dass Wandel geschieht – leise, unspektakulär, aber beständig. So wie wir in der Ruhe des Moments innehalten, können wir die Jahreszeit spüren, Achtsamkeit üben und die kleinen Signale des Lebens wahrnehmen.
Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
Februar Galerie
Februar – Spuren im Eis
Der Februar zeigt die Landschaft im Naturpark Stettiner Haff von ihrer stillen Seite. Eis liegt über Gräben und Feldern, und doch verraten viele Spuren, dass hier jemand fleißig gearbeitet hat.
Ein Biber hat an einem Entwässerungsgraben einen kleinen Damm errichtet. Gefällte Bäume, sorgfältig entastet und verbaut, zeugen von seinem handwerklichen Geschick. Eine glatte Rutschspur ins Eis verrät den Weg ins Wasser – die typische „Biberrutsche“.
An einer Stelle ist der Boden eingebrochen. Vermutlich ist hier eine Biberhöhle eingestürzt, verborgen unter Erde und Wurzeln.
Auch im Winter ist der Biber aktiv – und wer genau hinschaut, entdeckt seine Bauwerke mitten in der stillen, vereisten Landschaft.
Januar
"Wenn etwas fällt - ein Januar voller Wandel und leiser Begegnungen.“
Der Januar kann noch einmal richtig kalt sein. Eis liegt auf dem Wasser, der Boden ist hart gefroren, die Luft klar und scharf. An der Zarow hält der Winter noch fest. Der Fluss ist zugefroren, still, fast unbeweglich. Nur das Licht verrät, dass sich etwas verändert: Am späten Nachmittag färbt sich der Himmel bereits sanft, als würde er den kommenden Frühling vorsichtig ankündigen.
Und doch liegt da dieser Baum.
Eine alte Pappel, mindestens sechzig Jahre gewachsen.
Jetzt liegt sie am Boden. Der Stamm ist auf etwa zweieinhalb Meter Länge gesplittert, das Holz zerfasert, offen, hell. Ein Bild, das berührt. Nicht laut, nicht dramatisch – aber tief. Dieses innere „autsch“, das entsteht, wenn man etwas Altes, Gewachsenes so offen vor sich liegen sieht.
Der Baum ist nicht einfach umgestürzt.
Hier haben mehrere Kräfte zusammengewirkt. Der Biber war da – seine Nagespuren sind frisch, das Holz noch hell. Dazu kamen Sturm, Eis und Frost. Kein einzelner Auslöser. Kein Schuldiger. Nur ein Zusammenspiel, das irgendwann dazu führt, dass etwas fällt.
In der winterlichen Landschaft wirkt dieser Stamm wie ein Einschnitt. Und gleichzeitig ist er einfach Teil dessen, was gerade ist. Kein Fehler. Kein Versagen. Sondern Wandel.
Der Januar ist die Klarheit im Frost.
Noch ist es kalt, noch hält der Winter die Landschaft im Griff. Und doch zeigen sich bereits die ersten Zeichen von Aufbruch. Schneeglöckchen und Winterlinge strecken ihre Köpfe aus dem Boden, klein und unscheinbar, aber unbeirrbar. Sie warten nicht auf perfekte Bedingungen. Sie gehen los, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Vielleicht liegt genau darin ihre stille Lehre:
Nicht alles beginnt im Licht. Manches wächst aus der Kälte heraus.
Ein Spaziergang in diesen Tagen fühlt sich oft anders an als im Frühling oder Sommer. Die klare Luft füllt die Lungen, der Kopf wird frei, die Gedanken ruhiger. Auch wenn das Wetter rau ist, tut das Draußensein gut. Gerade dann. Und wie wohltuend ist es, danach wieder nach Hause zu kommen. Sich mit einer Tasse heißem Tee oder Kakao auf das Sofa zu setzen, eine Decke über die Beine zu ziehen und die Kälte langsam aus dem Körper gehen zu lassen.
Noch bevor der Wandel beginnt (Februar), legt der Januar das Fundament für das, was folgen wird.
Der gefallene Baum an der Zarow bleibt dabei im Blick.
Er erinnert daran, dass Stabilität nicht bedeutet, ewig stehen zu bleiben. Manches trägt lange. Und irgendwann nicht mehr. Oft nicht durch einen einzigen großen Moment, sondern durch viele kleine Einwirkungen über Zeit.
Auch im eigenen Leben ist es manchmal so.
Dinge verändern sich nicht plötzlich. Sie werden brüchig, leise, unmerklich. Und irgendwann liegen sie offen vor uns. Das fühlt sich schmerzhaft an. Aber es ist auch ehrlich. Nichts ist mehr verborgen.
Der Biber hat den Baum nicht „zerstört“.
Er hat getan, was Biber tun. Der Winter hat getan, was Winter tun. Und das Ergebnis liegt nun sichtbar da. Klar. Unverstellt.
Vielleicht ist das ein guter Gedanke für diesen Monat:
Hinsehen, ohne sofort zu bewerten. Wahrnehmen, was da ist. Auch das Unfertige. Auch das Gebrochene.
Metapher des Monats:
„Bevor Neues wachsen kann, braucht es die Ruhe des Anfangs.“
Und während der Baum dort liegt, offen und still, werden die Tage langsam heller. Ganz unaufgeregt. Unaufhaltsam. Der Januar hält inne – und lässt zugleich schon los.
Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur
Januar Galerie
Der Biber an der Zarow.





























