Aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur

Was du hier findest

Manche Orte sind keine Orte.
Sie sind ein Zustand.

Das Wohnzimmer von Mutter Natur ist so ein Raum.
Kein Schauplatz, kein Konzept, kein Ziel.
Sondern ein Platz zum Ankommen.

Hier sammle ich Beobachtungen aus dem Jahreslauf:
Momente, die mir draußen begegnen, Gedanken, die sich beim Gehen einstellen, Bilder, die bleiben, weil sie etwas in mir berührt haben. Nicht alles ist schön. Nicht alles leicht. Aber alles ist wirklich.

Mutter Natur spricht hier nicht laut.
Sie flüstert.
Im Knacken von Eis, im Fall eines alten Baumes, im ersten Grün zwischen Frost und Schnee. Wer zuhört, hört vielleicht auch sich selbst ein wenig deutlicher.

Dieses Wohnzimmer folgt keinem Plan.
Es kennt keinen Kalenderdruck und keine Vollständigkeit.
Was hier liegt, darf liegen.
Was fehlt, fehlt zu Recht.

Vielleicht findest du hier einen Gedanken, der dich begleitet.
Vielleicht nur ein Bild, das nachwirkt.
Vielleicht auch nichts – und auch das ist in Ordnung.

Mach es dir bequem.
Schau dich um.
Und nimm dir die Zeit, die du brauchst.

 

Februar

"Zwischen Eis, Licht und kleinen Anfängen"

Das Haff im Naturpark Stettiner Haff liegt still, noch von Frost und Eis bedeckt. Die Schifffahrt ruht, das Wasser ist seit Wochen gefroren. Land und Wasser geht nahtlos ineinander über. Alles scheint anzuhalten.

Und doch zeigt sich leise Bewegung. Das Licht fällt anders in den Morgen, bleibt länger am Abend. Es ist klarer, weiter, ein erster Hinweis auf den kommenden Frühling. Wer aufmerksam geht, spürt die Veränderung – sie liegt im Atem der Landschaft, im leisen Rascheln der eisbedeckten Bäume, im Knacken des Frostes, der auf allem liegt.

Am Vogelhaus wurden bereits am 29. Januar die ersten Stare gesichtet. Kurz darauf zogen die ersten Gruppen Kraniche über das gefrorene Haff, ihre Rufe hallen über die stille Fläche. Auch die Schwäne sind zurückgekehrt, wie jedes Jahr, als Zeichen, dass das Leben seinen Lauf nimmt, unabhängig von der Kälte.

Selbst der Biber, geschäftig und unermüdlich, hat Spuren hinterlassen: frische Nagespuren an alten Pappeln, die den Lauf der Zarow flankieren. Die Natur zeigt ihre Anwesenheit auf feine, fast unsichtbare Weise. Wer genau hinschaut, entdeckt die kleinen Geschichten, die der Jahreslauf für uns bereithält.

Im Garten beginnt die Zeit der leisen Schritte: Obstbäume werden geschnitten, die Ziergräser geordnet. Nichts ist spektakulär – alles dient dem Aufbau, dem Grund für Neues. So wie in der Verholer-Trilogie, die kleine, achtsame Impulse durch das Jahr trägt, zeigt der Februar, dass Veränderungen oft sanft beginnen, bevor sie sichtbar werden. Ein Eintrag ins Innere Kontorbuch, ein Notizgedanke im Inneren Gewichtsbook oder ein Blick ins Verholer Kakebo – alles kleine Übungen, die uns helfen, den Rhythmus des Jahres wahrzunehmen.

Der Februar ist kein Aufbruch. Er ist ein Versprechen. Noch sind Knospen unsichtbar, Frühblüher nur zaghaft. Alles ruht. Und doch liegt bereits die Ahnung von Wärme und Bewegung in der Luft. Der Monat zeigt uns Geduld, Verlässlichkeit und die stille Hoffnung, die in kleinen Anzeichen wächst.

Das Haff mag gefroren sein, das Licht aber erinnert daran, dass Wandel geschieht – leise, unspektakulär, aber beständig. So wie wir in der Ruhe des Moments innehalten, können wir die Jahreszeit spüren, Achtsamkeit üben und die kleinen Signale des Lebens wahrnehmen.

Ein leiser Gruß
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur

Februar Galerie

Februar – Spuren im Eis

Der Februar zeigt die Landschaft im Naturpark Stettiner Haff von ihrer stillen Seite. Eis liegt über Gräben und Feldern, und doch verraten viele Spuren, dass hier jemand fleißig gearbeitet hat.

Ein Biber hat an einem Entwässerungsgraben einen kleinen Damm errichtet. Gefällte Bäume, sorgfältig entastet und verbaut, zeugen von seinem handwerklichen Geschick. Eine glatte Rutschspur ins Eis verrät den Weg ins Wasser – die typische „Biberrutsche“.

An einer Stelle ist der Boden eingebrochen. Vermutlich ist hier eine Biberhöhle eingestürzt, verborgen unter Erde und Wurzeln.

Auch im Winter ist der Biber aktiv – und wer genau hinschaut, entdeckt seine Bauwerke mitten in der stillen, vereisten Landschaft.

Januar

"Wenn etwas fällt - ein Januar voller Wandel und leiser Begegnungen.“

Der Januar kann noch einmal richtig kalt sein. Eis liegt auf dem Wasser, der Boden ist hart gefroren, die Luft klar und scharf. An der Zarow hält der Winter noch fest. Der Fluss ist zugefroren, still, fast unbeweglich. Nur das Licht verrät, dass sich etwas verändert: Am späten Nachmittag färbt sich der Himmel bereits sanft, als würde er den kommenden Frühling vorsichtig ankündigen.

Und doch liegt da dieser Baum.

Eine alte Pappel, mindestens sechzig Jahre gewachsen.
Jetzt liegt sie am Boden. Der Stamm ist auf etwa zweieinhalb Meter Länge gesplittert, das Holz zerfasert, offen, hell. Ein Bild, das berührt. Nicht laut, nicht dramatisch – aber tief. Dieses innere „autsch“, das entsteht, wenn man etwas Altes, Gewachsenes so offen vor sich liegen sieht.

Der Baum ist nicht einfach umgestürzt.
Hier haben mehrere Kräfte zusammengewirkt. Der Biber war da – seine Nagespuren sind frisch, das Holz noch hell. Dazu kamen Sturm, Eis und Frost. Kein einzelner Auslöser. Kein Schuldiger. Nur ein Zusammenspiel, das irgendwann dazu führt, dass etwas fällt.

In der winterlichen Landschaft wirkt dieser Stamm wie ein Einschnitt. Und gleichzeitig ist er einfach Teil dessen, was gerade ist. Kein Fehler. Kein Versagen. Sondern Wandel.

Der Januar ist die Klarheit im Frost.
Noch ist es kalt, noch hält der Winter die Landschaft im Griff. Und doch zeigen sich bereits die ersten Zeichen von Aufbruch. Schneeglöckchen und Winterlinge strecken ihre Köpfe aus dem Boden, klein und unscheinbar, aber unbeirrbar. Sie warten nicht auf perfekte Bedingungen. Sie gehen los, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Vielleicht liegt genau darin ihre stille Lehre:
Nicht alles beginnt im Licht. Manches wächst aus der Kälte heraus.

Ein Spaziergang in diesen Tagen fühlt sich oft anders an als im Frühling oder Sommer. Die klare Luft füllt die Lungen, der Kopf wird frei, die Gedanken ruhiger. Auch wenn das Wetter rau ist, tut das Draußensein gut. Gerade dann. Und wie wohltuend ist es, danach wieder nach Hause zu kommen. Sich mit einer Tasse heißem Tee oder Kakao auf das Sofa zu setzen, eine Decke über die Beine zu ziehen und die Kälte langsam aus dem Körper gehen zu lassen.

Noch bevor der Wandel beginnt (Februar), legt der Januar das Fundament für das, was folgen wird.

Der gefallene Baum an der Zarow bleibt dabei im Blick.
Er erinnert daran, dass Stabilität nicht bedeutet, ewig stehen zu bleiben. Manches trägt lange. Und irgendwann nicht mehr. Oft nicht durch einen einzigen großen Moment, sondern durch viele kleine Einwirkungen über Zeit.

Auch im eigenen Leben ist es manchmal so.
Dinge verändern sich nicht plötzlich. Sie werden brüchig, leise, unmerklich. Und irgendwann liegen sie offen vor uns. Das fühlt sich schmerzhaft an. Aber es ist auch ehrlich. Nichts ist mehr verborgen.

Der Biber hat den Baum nicht „zerstört“.
Er hat getan, was Biber tun. Der Winter hat getan, was Winter tun. Und das Ergebnis liegt nun sichtbar da. Klar. Unverstellt.

Vielleicht ist das ein guter Gedanke für diesen Monat:
Hinsehen, ohne sofort zu bewerten. Wahrnehmen, was da ist. Auch das Unfertige. Auch das Gebrochene.

Metapher des Monats:
„Bevor Neues wachsen kann, braucht es die Ruhe des Anfangs.“

Und während der Baum dort liegt, offen und still, werden die Tage langsam heller. Ganz unaufgeregt. Unaufhaltsam. Der Januar hält inne – und lässt zugleich schon los.

Ein leiser Gruß 
- aus dem Wohnzimmer von Mutter Natur

 

Januar Galerie

Der Biber an der Zarow.

Verholer steht für Geschichten, Naturwissen und Achtsamkeit.
Mit Balduin Biber und anderen Figuren entstehen fortlaufende Erzählungen zum Hören und Lesen.
Ein Projekt von Tanja Wolff, Autorin, Erzählerin und zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin im Naturpark Stettiner Haff.

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

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